Ein mehr als (un)glücklicher Kinderwunsch


Ein Interview mit Julia von @mulli.and.mom

Für Julia (23) schien der Traum, eine Familie zu gründen, zum Greifen nah, als sie von ihrem heutigen Ehemann (29) einen Heiratsantrag bekam. Doch das Schicksal sollte das junge Glück noch mehrfach auf die Probe stellen, ehe es dessen Kinderwunsch erfüllte. Als Töchterchen Nele dann zu allem Überfluss auch noch als Frühchen zur Welt kam, schien das Chaos perfekt... In unserem Gespräch gewährt die junge Mama sehr persönliche Einblicke in diese schwere Zeit und berichtet uns wie es ihr gelang trotz zahlreicher medizinischer Eingriffe nicht den Mut zu verlieren...



Auf Deinem Blog beschreibst Du den steinigen Weg, den Du und Dein Mann zurück legen mussten, ehe Euch die kleine Nele geschenkt wurde. Wie war diese Zeit wenn Du aus heutiger Sicht zurückblickst? 

 

Jedes Paar mit Kinderwunsch weiß, wie nervenaufreibend diese Zeit sein kann. Denn je länger und komplizierter der Weg ist, desto schwieriger wird es. So hatten auch wir Höhen und Tiefen: Mit jedem Zyklus hofften wir, dass es endlich gekappt haben könnte, und immer wieder wurde diese Hoffnung durch einen negativen Schwangerschaftstest zerschlagen. So etwas geht nicht nur an die Nerven, sondern auch an die Beziehung.  

So wurde der Kinderwunsch zur Beziehungsprobe...

 

Als wir erfahren haben, dass wir eine Hormontherapie starten müssen um schwanger zu werden, war das nicht einfach. Ständig spuckt es einem durch den Kopf, warum es Paare gibt, die vergeblich versuchen schwanger zu werden und dann wiederum Frauen, die ungewollt schwanger werden. Es war schwer solche Dinge zu akzeptieren. Schließlich traten wir die Hormontherapie an, doch der erste Hormonzyklus endete leider in einem sehr frühen Abgang. 


"Es war schwer zu akzeptieren, dass manche Frauen ungewollt schwanger werden."




"Ich bewundere alle Frauen, die nach einer Fehlgeburt

die Kraft haben trotzdem weiter zu machen."


Nach einer Fehlgeburt ist es sicher nicht leicht, unvoreingenommen auf eine neue Schwangerschaft "hinzuarbeiten". Ist es Euch auf Anhieb gelungen?

 

Ich muss sagen, dass es anfangs schwer war, sich auf den nächsten Versuch einzulassen. Vielleicht kann man aber eher damit abschließen, wenn der Abgang sehr früh passiert und noch kein Embryo zu sehen ist...

 

Nichtsdestotrotz bewundere ich alle Frauen, die eine Fehlgeburt erleben mussten und trotzdem die Kraft haben weiterzumachen. Wir überlegten nämlich schon, ob wir im nächsten Zyklus direkt weiter machen sollten. Aber zum Glück haben wir das, denn so ist unsere wundervolle Tochter entstanden.  

Hat sich Eure Beziehung mit dem positiven Schwangerschaftstest wieder normalisiert?

  

Mit Beginn der Schwangerschaft ist wieder Ruhe eingekehrt. Schließlich war der unerfüllte Kinderwunsch und der nervenaufreibende Weg dahin der Grund dafür. Wir sahen uns endlich am Ziel angekommen: ein Baby - eine Familie. Was uns dann noch erwartete, konnt ja keiner ahnen...


Zwar kann es kaum eine Mutter erwarten, dass es endlich mit der Geburt losgeht, aber als Deine Wehen vorzeitig einsetzten muss das ein großer Schock für Dich gewesen sein. 

 

Das stimmt. Insgeheim wünscht man sich, dass das Baby 1-2 Wochen eher auf die Welt kommt - gesund versteht sich! Zum jetzigen Zeitpunkt weiß ich aber, dass jeder Tag mehr im Bauch wertvoll für das Kind ist.

 

Bei mir begannen die ersten Wehen bereits in der 28. SSW, weshalb mir sofortige Ruhe verschrieben wurde. Nachdem sich aber leider der Gebärmutterhals verkürzte und der Muttermund in der 32. SSW aufging, kam ich ins Krankenhaus.   

Wie ging es Dir dabei?

 

Das Schlimmste für einen ist, dass man nichts tun kann. Mann kann nur liegen und hoffen. Hoffen, dass der Körper es schafft, das Kind noch etwas länger im Bauch zu halten. Bei uns ging es bis zur 34. SSW, dann schlugen auch die stärksten Wehenhemmer nicht mehr an und unsere Tochter kam zur Welt. 

 

Anfangs machte ich mir die selben Vorwürfe wie wohl jede Mama, die ihr Kind zu früh bekommt: Warum hat mein Körper versagt? Warum konnte ich mein Baby nicht halten? Wie soll man das auch verstehen... Gerade war das Baby noch im Bauch und auf einmal liegt es, an tausenden Kabeln und Monitoren, in einem durchsichtigen Kasten. Man fühlt sich einfach furchbar leer und alles was man tun kann, ist vielleicht mal die Hand reinzustecken.

Man kann sich kaum vorstellen was es heißt, das eigene Kind im Inkubator zu sehen. Was hat Euch in dieser schweren Zeit Kraft gegeben?

 

Geholfen die Zeit zu überstehen hat mir mein Kind von Anfang an so schnell wie möglich selbst zu versorgen. Ich wollte direkt die Windeln wechseln als es ging, sie waschen und natürlich das Kangaroon - also Kuscheln. So konnte ich trotz der schwierigen Situation eine intensive Bindung zu ihr aufzubauen.


"Wir sind alle ungeduldig

unser kleines Wunder kennenzulerenen,

aber sei dankbar für jeden Tag, an dem Du Dein Baby im Bauch halten kannst." 




"Wir hätten unsere Tochter

beinahe verloren." 


Gott sei Dank, liegt der Aufenthalt in der Frühchenstation nun hinter Euch. Wie ging es weiter?

  

Leider war das nicht unser einziger stationärer Aufenthalt. Denn 10 Tage nach der Entlassung traf uns das Schicksal erneut mit einem harten Schlag. Wir hätten unsere Tochter beinahe verloren und mein Mann und ich mussten die Kleine zu Hause reanimieren. Sie stand vor einem multiplen Organversagen und wurde auf der Intensivstation intubiert. 

 


Dieses Buch von Julia Schierhld-Urlichs könnte Dich interessieren:

"Eine Stimme für Frühchen: Vorlesegeschichten am Inkubator"

Eine Rezension dieses Buches findest Du

zusammen mit einer Leseprobe in unserer Bücherkiste.


Was ist passiert?

Wir wissen nicht, inwiefern es mit der Frühchengeburt zu tun hat, aber Fakt ist, dass Nele fokale epileptische Anfälle, das Long QT Syndrom und keine Schilddrüse hat. Deswegen sind wir viel bei Ärzten unterwegs und lassen weitere Untersuchungen durchführen. Aber wir haben ein starkes Mädchen und zur Zeit entwickelt sich die Kleine prächtig.


Es ist unglaublich, was für eine Kraft und Zuversicht Du trotz all dieser Schicksalsschläge ausstrahlst.
Hast Du ein Geheimrezept, welches Du Eltern in einer ähnlichen Situation mit auf den Weg geben kannst? 

 

Insbesondere Frühcheneltern kann ich raten: Ihr dürft auch mal schwach sein und vor allem dürft Ihr nicht Euch selbst vergessen! Klar will man seinem Kind immer eine starke Löwenmama und ein Löwenpapa sein, aber manchmal kann man das einfach nicht. 

 

Auf der Frühchenstation geht es einen Schritt vor und dann wieder zwei zurück... Da geht man kaputt, wenn man versucht 24 Stunden da zu sein und dabei keine Schwäche zuzulassen. Gönnt Euch also auch mal ein paar Stunden Auszeit, unternehmt was mit Eurem Partner außerhalb des Krankenhauses und ihr werdet sehn, dass der Abstand Euch hilft neue Kraft zu tanken. Denn nur so könnt Ihr wirklich effektiv für Euer Kind da sein. Und am Ende wollen wir doch alle das selbe: mit einem gesunden Baby nach Hause gehn. 


"Frühcheneltern dürfen

auch mal schwach sein."