3... 2... Brei! Die Reifezeichen der Beikost


Ein Interview mit Vera Scarlett Highley von klecker-lecker

Scarlett (30) ist Mutter eines kleinen Wirbelwindes (*2014). Dieser stürzte sie zunächst in die Wochenbettdepression und entwickelte sich vom Schreikind zum Highneed Kind. Auf ihrem Blog klecker-lecker.de teilt sie ihre Erfahrungen und berät Eltern zum Thema Säuglings- und Kleinkindernährung auf selbständiger Basis. Wir haben uns mit ihr über die Reifezeichen der Beikosteinführung unterhalten und nachgefragt, ob Baby Lead Weaning eine Alternative zum Babybrei darstellt. 



Du bist selbständige Beraterin für Beikost und Säuglingsernährung. Wie bist Du dazu gekommen?

 

Ursprünglich habe ich eine andere berufliche Orientierung verfolgt, da ich zunächst ein Eltern-Kind-Café eröffnen und danach meine Selbstständigkeit als Beraterin aufbauen wollte. Stattdessen kämpfte ich nach der Geburt meines Sohnes mit unterschiedlichen Ernährungsproblemen. Dazu gehörten Stillprobleme, Unverträglichkeit der Pre-Nahrung oder auch der Beikost.

 

Schließlich legte mir meine Freundin Katy ans Herz, die Erfahrungen mit meinem Sohn in einem Blog niederzuschreiben, um anderen Müttern in ähnlichen Situationen zu helfen. Diese Idee änderte meine Pläne und ist auch heute noch mein Antrieb. 

 

Seither blogge ich über Beikost, gesunde und altersgerechte Ernährung und teile regelmäßig Rezepte. Darüberhinaus begleite ich Familien, gebe Seminare und arbeite gerade an zwei Büchern. Das Eltern-Kind-Café ist zwar noch immer ein Traum von mir, doch hat sich dieser zeitlich lediglich ein wenig verschoben.


"Nach der Geburt meines Sohnes kämpfte ich

mit unterschiedlichen Ernährungsproblemen."




"Altersgrenzen sind

bei der Beikosteinführung völlig fehl am Platz.

Viel wichtiger sind

die Reifezeichen."


Daran sieht man mal wieder, dass viele Wege nach Rom führen können...

Ehe wir uns aber über Dein neues Lokal unterhalten, wollen wir uns aber der Breikost widmen.
Ab wann sollten Eltern sich denn mit diesem Thema befassen?

 

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), das Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) sowie die wissenschaftliche Fachgesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland (DGKJ) empfehlen zwischen dem 5. und 7. Lebensmonat mit fester Nahrung zu beginnen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hingegen wählt die goldene Mitte und rät ab dem 6. Monat Brei zuzufüttern.

 

Ich finde Altersgrenzen bei der Beikosteinführung jedoch völlig fehl am Platz. Schließlich ist jedes Kind in seiner Entwicklung individuell. Stattdessen sollten die Reifezeichen - unabhängig vom Alter des Kindes - erfüllt sein.  

Welche Merkmale verraten uns denn, dass ein Baby "reif" für den ersten Brei ist?

 

Zunächst sollte man beachten, dass kein Säugling mit vier Monaten die Reifezeichen erfüllen kann,  

so dass es oft zu Verwechslungen kommt. Für alle anderen sind hier einige Merkmale:

 

RICHTIGE Beikostreifezeichen

 

FALSCHE Beikostreifezeichen

 

    Dein Baby...

  • kann den Kopf alleine halten
  • kann aufrecht sitzen
    (mit minimaler Unterstützung
    im unteren Rücken)
  • zeigt Interesse am Essen anderer
    (macht beim Beobachten Kaubewegungen)
  • kann die Hand zum Mund koordiniern
    (ggf. mit Pinzettengriff)
  • schiebt feste Nahrung nicht aus dem Mund
    (Zungenstreckreflex ist verschwunden)
  • zeigt deutlich, dass es satt ist

 

     Dein Baby...

  • wacht nachts auf
  • nimmt nicht zu
  • ist sehr groß
  • beobachtet andere beim Essen
  • schmatzt
  • streikt beim Stillen
    (trinkt weniger)
  • clustert beim Stillen
    (trinkt vermehrt)
  • schläft nach dem Stillen nicht unmittelbar ein


Gehen wir also davon aus, dass ein Baby die Reifezeichen erfüllt und es losgehen kann... Was genau sollten Eltern zur Beikosteinführung füttern? Und welche Utensilien benötigt man wirklich?

 

Grundsätzlich würde ich immer empfehlen den Babybrei selber zu kochen, da man nur so zu Hunderprozent weiß, was im Brei enthalten ist. Dazu ist auch nicht viel notwendig: ein Topf, ein Sieb und gegebenenfalls ein Kartoffelstampfer. 

Ich persönlich habe das Gemüse immer gedünstet, man kann es aber auch mit Hilfe eines Siebes im Topf dampfgaren (z.B. mit einem Dampfgareinsatz von Ikea). Zum Portionieren und Einfrieren sind anfangs Eiswürfelbehälter und Gefrierbeutel, später größere Gefäße (z.B. Breibecher von Avent) ganz praktisch. Natürlich kann man den Brei auch einfach in Einmachgläsern einwecken. 

Wie bei Deinem Sohn, klappt es aber nicht immer auf Anhiebt mit dem Brei. 

Gibt es typische Probleme bei der Beikosteinführung auf die Eltern gefasst sein müssen?

 

Typische Probleme? Ich finde nicht, dass es diese gibt. Viel wichtiger finde ich es, sich an geeigneter Stelle über Beikost zu informieren. So kann man viele Schwierigkeiten und vor allem Folgeschäden vermeiden.

 

Falls doch mal Beschwerden (wie Blähungen, Verstopfung, etc.) auftreten, sollte man einfach eine Beikost Pause einlegen und nicht gleich mit Hausmittelchen oder gar Medikamenten gegen wirken. Die Kleinen können noch ihr ganzes Leben lang essen, daher sollte man es langsam angehen und sich bei der Beikosteinführung Zeit lassen.  


"Die Kleinen essen noch

ihr ganzes Leben lang,

da kann man sich

ruhig Zeit lassen."




"Es gibt nicht

nur EINEN richtigen Weg

für die Beikosteinführung."



Diese Bücher zum Thema Baby Lead Weaning

werden von klecker-lecker empfohlen und könnten Dich interessieren:


Sich Zeit nehmen, warten bis das Baby bereit ist - das sind auch Grundsätze des sogenanten "Baby Lead Weaning" (BLW), einer völlig breifreien Form der Beikosteinführung.  Was hältst Du von dieser "vom Baby geführten Entwöhnung"? Ist das neumodischer Nonsense oder eine echte Alternative?

 

Mit dem Baby Lead Weaning hat der Begründer, Gill Rapley, eigentlich nur dem einen Namen gegeben, was am natürlichsten ist. Denn wenn man sich mal genauer damit beschäftigt, wie wir Menschen über Jahrhunderte unsere Kinder an feste Nahrung herangeführt haben, wird man feststellen, dass nicht nur viel länger gestillt, sondern auch viel später und langsamer mit der Beikost begonnen wurde.

 

So gab es beispielsweise kein extra Essen für die Kleien, sondern sie aßen von Anfang an (wenn alle Reifezeichen erfüllt waren!) am Familientisch, wo sie zerkleierte oder teilweise vorgekaute Lebensmittel bekamen. Daher halte ich BLW für eine sehr gute Alternative zur Breikost.

 

Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass es nicht nur EINEN richtigen Weg für die Beikost gibt. Schließlich haben sowohl die Breikost als auch das Baby Lead Weaning ihre Vor- und Nachteile. Deshalb sollte unsere Wahl der Beikosteinführung letzten Endes genauso individuell wie unsere Kinder sein.